AUSDEHNUNG DER GEFAHRENZONE

Ausdehnung der Gefahrenzone

Neues as dem Heimatkiez

Nicht selten wird das Leben der gewöhnlichen Menschen von diesen selbst und den ihnen genehmen Autoren mit Wasser-Metaphern bedacht. So sagt man gerne über Menschen, die ihre Zähne beim besten Willen nicht auseinanderkriegen, das bedeutet in der Regel, ihnen fällt nichts Essentielles ein, wenn scheinbar anspruchsvoll gesprochen wird, sie seien von einer eigenartigen Abgründigkeit befallen, wenn man sie etwa mit dem Sprichwort „Stille Wasser seien tief“ belegt. Tiefe soll hier offenbar einen hohen Anspruch in intellektuellen Angelegenheiten bezeichnen. Oder etwa nicht? Vielleicht meint man ja, die solcherart Markierten verfügten über außerordentliche erotische Fähigkeiten oder nur Begabungen, vielleicht sollen es aber auch Ansprüche sein. Wobei sich hier allerdings fragt, ob es sich um die Ansprüche der Bezeichneten oder der Bezeichner handelt, vielleicht geht es aber auch um den Zwischenraum zwischen beidem, also jenes irgendwie unheimliche Areal zwischen Signifikat und Signifikanten. Wer weiß das schon? Eine andere beliebte Wassermetapher findet ihre sprachliche Praxis wenn jemand oder dessen Eigenschaften, sein oder ihr Verhalten, mit einem reißenden Strom bezeichnet wird. Strom hier im Sinne von zielgerichtet fließendem Wasser, also Wasser das von irgendeinem Punkt A zu einem Punkt B fließt, dabei möglicherweise unterschiedliche Landschaften, welche in der Lage sind, den Verlauf des Wassers in seiner Breite zu beeinflussen und damit auch auf die Geschwindigkeit seines Fließen Einfluss nehmen. Ein reißender Strom zu sein wird gern als Metapher für Verhaltensweisen verwendet, die irgendwie Impulsivität mit Ausdauer verbinden. Interessanterweise stellt man hier selten die Frage, woher all das Wasser kommen sollte. Selbst wenn einem manche der so bezeichneten als Wasserkopfträger erscheinen mögen, stellt sich doch immer wieder die Frage, woher sie all das flüssige Zeug nehmen und transportieren.

Doch bevor wir uns weiter auf den verschlungenen Pfaden der deutschen Metapher-Landschaft bewegen, sollten wir einen Moment innehalten und uns fragen: Wie kommt eigentlich all das metaphorische Gefasel über menschliche Unzulänglichkeiten zustande? Vieles spricht dafür, dass hier, wie bei vielem anderen auch, Alkohol im Spiel ist. „Der Spiegel“ in seiner Ausgabe vom 14. August 2026 kündigt auf seinem Titelblatt einen Beitrag zu diesem Thema an. Auf braunem Hintergrund, besser sollte man vielleicht von Untergrund sprechen, prangt in roten Großbuchstaben wie ein Fanal des kommenden politischen Notstandes das Wort Alkohol. Darunter, weiß in traditioneller Groß- und Kleinschreibung: „Drei Frauen über ihre Sucht“. Das verspricht eher die Langeweile eines von der ökologischen Klimakatastrophe und der politischen Finanzkatastrophe heimgesuchten öffentlichen Freibades. „Und wenn es doch, wie immer dauernd regnet und es sowieso nichts Ordentliches zu trinken gibt?“ „Halt die Klappe …“ „Aber es ist doch so, dauernd versprechen die Was, dass sie sowieso nicht einhalten.“ „Zum letzten Mal, halt die Klappe, das sind Journalisten, die wissen doch, was sie tun.“ „Ach, echt? Kuck dir doch den Penner mal an. Was ist denn das für einer?“

Der Zeigefinger der einen fährt über die trostlose braune Fläche des Titelblattes, der Zeigefinger des anderen bohrt weiter nachdrücklich im linken Nasenloch (Es ist jedoch niemand anwesend, der die Befürchtung eines Durchbruchs in Richtung Schädeldecke hegen möchte). Der Zeigefinger des einen hat bald sein Ziel gefunden; nachdrücklich klopft er auf eine zweizeilige, mindestens zwanzig typographische Punkte hohe, rote Bildunterschrift. Klopf, klopf, klopf. Dann erhebt er sich wieder und umkreist das für die Bildunterschrift ausgewählte Foto. Kreis, kreis, kreis. Dann erhebt sich der Stinkegriffel mit den dreckigen Fingernägeln, um eine Weile wie ein von der Bundespolizei angeschossener Reichsbürger-Helikopter im Taumelflug auf die Fotografie zu stürzen.

All diese Aktivitäten haben es mit ihrer abgrundtiefen Langeweile nicht vermocht, uns auf irgendwie nicht-pessimistische Gedanken zu bringen. Weswegen wir nun Zuflucht zu der roten, ist es vielleicht ein Karmesinrot?, Bildunterschrift nehmen, sie nun erstmalig mit der Fotografie kombinieren. Uns zu dieser Aktivität zu veranlassen war möglicherweise die gar nicht mal so geheime Intention bei der Erstellung des betrachteten Werkes gewesen. Denn nun lesen wir erstmals die Bildunterschrift, die lautet: „Der gefährlichste Mann Deutschlands“. Das kann sich offenbar nicht auf den Alkohol und die ihn konsumierenden beziehen, denn bei ihnen handelt es sich ja, darüber sind wir bereits aufgeklärt worden, um Frauen. Bei dem abgebildeten und wie zitiert bezeichneten handelt es sich schließlich, egal um wieviel existierende Geschlechter die Betrachterinnen und Betrachter ausgehen mögen, eindeutig um einen Mann, der mit zeitgenössischem Stoppelbart und zeittypischer Kurzhaarfrisur in die für Betrachterinnen und Betrachter nicht sichtbare Kameralinse schaut, als ob er in eine Zukunft blicke, deren ganzes Grauen darin besteht, als Schauplatz der Widerkehr eines Ewig Gleichen zu dienen. Unter diesem Doppel-B-Ensemble folgt zunächst der Name „Ulrich Siegmund“ und darunter, wohl als Kennzeichnung irgendeiner politischen oder religiösen oder ähnlich blödsinnigen Funktion, der langarmige Terminus „AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt“. Was das Ganze soll? Keine Ahnung! Fragen Sie doch am besten mal den Pfarrer Storck. Vielleicht weiß der ja Bescheid. Mit ziemlicher Sicherheit weiß der ja Bescheid. Wahrscheinlich ist der Kreuzberger Landpfarrer, der es gern zum Hassprediger gebracht hätte, auch sehr gefährlich. Doch trotz größter Anstrengung ist es weder ihm selbst noch Ihnen noch uns gelungen dieses Wunsch-Prädikat des durchschnittlichen Spiegel-Lesers zu erreichen.

Manche erinnern sich noch jener großartigen Zeiten, in denen man gelegentlich an Montagen in den öffentlichen Verkehrsmitteln insgeheim auf eine Erleuchtung hoffte, wenn die zur Arbeit Fahrenden oder von ihr Zurückkehrenden mit der ganzen Sicherheit des loyalen Untertanen in die Taschen griffen, um ähnlich wie die damals noch existierenden deutschen Bauarbeiter ihr Butterbrot aus der Tiefe ans U-Bahn-Licht beförderten aus ebenselber Tiefe das grade erschienene Spiegel-Exemplar hervorholten und dies auf eine Weise demonstrativ zu studieren begannen als habe man es bei jedem Einzelnen von ihnen mit einem der oben erwähnten Stillen Wasser zu tun. Ja, das waren die Zeiten als der Spiegel regelmäßig des Montags mit einem in der deutschen Presselandschaft unverwechselbaren Alleinstellungsmerkmal (auch so ein Wort aus der sprachlichen Giftküche, mit dem das Blatt in quasi antideutscher Manier seine Leser zu Sprachkretins degradierte) erschien.

Um kein Missverständnis zu erregen: Es soll hier nicht versucht werden, die von böswilligen Neidern in die Welt gesetzte Behauptung bei dem Abgelichteten handele es sich nicht um den AfD-Kandidaten, sondern um den Pfarrer Storck noch durch ein weiteres Argument zu erhärten. Der AfD-Kandidat, heißt es, soll nach Erscheinen der Spiegel-Ausgabe diese handschriftlich signiert haben und quasi als Belohnung an altgediente Wahlkämpfer verteilt haben, um diesen eine Grundlage, vielleicht sogar ein bescheidenes Startkapital für die Eröffnung eines Spätkaufs oder einer Spielhalle in Kreuzberg zu ermöglichen. Da wir den Pfarrer Storck nun seit annähernd 20 Jahren besser kennen als der Verfassungsschutz seine Staatsfeinde, halten wir die seit einiger Zeit im Kiez kursierende Behauptung, der Hassprediger versuche Ähnliches, gewissermaßen als Konstruktion diverser Parallelaktionen, mit den Typoskripten seiner Hasspredigten anzustellen, indem er diese fotokopiert und jede der verschmierten Fotokopien mit einer eigenen Unterschrift versehen an verdiente Mitstreiter verteile, für durchaus glaubhaft.

Stimmen mehren sich, die, die Spaltung des Landes beklagend, seinen Untergang in einem Bürgerkrieg prophezeien. Bevor dies geschieht, müsste allerdings noch eine erkleckliche Anzahl der Stillen Wasser in reißende Ströme sich verwandeln. Dass dies nicht geschehe, dafür dürfte wohl, wenn sie doch nur einträfe, die ersehnte Klimakatastrophe sorgen.

von Hans Staden / 26.08.2026

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Bergmannfriedhoefe – 01. September 2026

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