Postchristliche Immobilienvermarktung

 

Mustafa Klein-Machnow: Postchristliche Immobilienvermarktung

Nicht, dass wir schon immer einen Faible für Friedhöfe gehabt hätten. Den meisten von uns waren diese Flächen eigentlich ziemlich egal. Natürlich haben wir immer wieder die Friedhofsgelände für Spaziergänge und sogar Picknicke genutzt. Über den kultur- und religionsgeschichtlichen Hintergrund dieser Plätze haben wir uns freilich wenig Gedanken gemacht.

Doch die Nähe zu einem Gegenstand wird häufig bestimmt von biographischen Ereignissen, die man sich eigentlich nicht wünscht. An der Jahreswende 2012/13 verstarb unser lieber Freund Wolfgang Neumann, ein passionierter Globetrotter, in China. Es dauerte fast ein Jahr bis alle Formalitäten abgeschlossen waren und Wolfgang endlich seine letzte Ruhe auf einem der Friedhöfe in der Bergmannstraße finden konnte. Es waren die unterschiedlichen Dimensionen dieses gravierenden Ereignisses – unmittelbare Konfrontation mit der menschlichen Sterblichkeit, die Frage nach einer möglichen tatsächlichen Heimat des Menschen, Erkenntnis der Notwendigkeit eines Gedenkens auch öffentlich, unter freiem Himmel – die uns emotional und intellektuell mehr und mehr mit diesen Friedhöfen verbanden. Interessanterweise wurde damals, hinter den Rücken der an der Begräbnisfeier Teilnehmenden auch eine makabre Verbindung eingegangen. Als Redner trat nämlich der evangelische Pfarrer, Herr Peter Storck, in Erscheinung. Ein, wie wir erst viel später feststellen sollten, besonders unheimliches Exemplar der Gattung des Fallen Angels. Dazu später mehr.

Im Laufe der letzten Monate haben wir auch festgestellt, dass Friedhöfe nicht nur den Toten und ihrem Angedenken gehören, sondern auch den Lebenden ein inspirierender Ort für erholsame Spaziergänge, ebenso wie für philosophische Problemstellungen sein können. In der Kreuzberger, ebenso wie in der gesamten Berliner Stadtlandschaft, stellen Friedhöfe etwas ganz besonderes dar. Mit ihrem Nebeneinander von Toten der unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen, der verschiedenen gesellschaftlichen Epochen, der Nachbarschaft prominenter Künstler und Wissenschaftler, leider auch Politiker und Militärs, und mit weitgehend unbekannten Menschen gehen die Friedhöfe weit über das Eingedenken der Sterblichkeit alles Lebenden hinaus, wie es zum Beispiel durch die mittelalterlichen Totentanz-Allegorien repräsentiert wurde. Friedhöfe leben vielmehr durch Gedanken und Gedenken, durch Trauer und Freude, durch Weinen und Lachen, der unterschiedlichen auf ihnen Wandelnden mit ihren unvergleichbaren (lebens-)geschichtlichen Erfahrungen. In gewisser Weise können Friedhöfe mit Inseln verglichen werden, Eilande, die dem hektischen Aktivismus orientierungsloser Gesellschaften trotzen und möglicherweise den Widerspenstigen Kraft und Energie spenden.

Nachdem wir durch einen Artikel in der Kreuzberger Chronik [1] Kenntnis erhalten hatten, dass der Eigentümer der Friedhöfe an der Bergmannstraße einen Teil von diesen zu Bebauungszwecken nutzen will, begann für viele von uns ein intensiver gedanklicher Prozess. Der gegenseitige Austausch über die individuellen Resultate führte letztendlich zur Herausbildung unseres Diskussionszusammenhangs. Nicht nur die drohende Aufhebung des Charakters der Friedhöfe provozierte spontan bei vielen von uns eine Mischung aus Melancholie und Distanz, ja Ablehnung. Auch die von uns als arrogant und autokratisch empfundene Haltung der Kirche sorgte für Empörung. Wie schon so oft hatten es die dortigen Chefs nicht für nötig befunden, auch nur irgendjemanden außerhalb ihrer Führungskreise von ihrem einsamen Beschluss zu unterrichten. Selbstverständlich ist kein einziger der evangelischen Kirchenfürsten auch nur auf den leisesten Gedanken gekommen, man könne das brave Kirchenvolk zu einem solch einschneidenden Projekt auch befragen. Offenbar ist man dort davon ausgegangen, die Kirchenmitglieder würden de fakto die Beschlüsse ihrer Oberen so gleichmütig abnicken wie man das über Jahrhunderte gewohnt war.

Gründung des Diskussionskreises

Die gleichermaßen spontan wie schrittweise erfolgte Gründung unseres Diskussionszusammenhangs konfrontierte uns auch mit der Frage: „Was tun?“ Sollten wir uns darauf beschränken in der Rolle des randständigen Nörglers, der stets moralisch im Recht verbleibt, doch real nichts bewirkt, zu verharren? Oder sollten wir eingedenk aller wahrscheinlichen Vergeblichkeit der Opposition gegen ein scheinbar besinnungsloses, darum aber auch umso effektiveres „Drauflosholzen“, doch etwas Praktisches unternehmen? Würden wir wahrscheinlich auch keinen Erfolg im Widerstand gegen die Entscheidungen einer verkrusteten Kirchenhierarchie haben, könnten wir doch vielleicht Herz und Hirn des einen oder anderen rühren und beeindrucken, und hätten so schon was erreicht. Dieser letzte Gedanke war die Geburtsstunde der Unterschriftenliste.

Doch bevor‘s noch ans Unterschriftensammeln ging, hatten wir Anschreiben an die Ortsverbände der wichtigsten politischen Parteien des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg und die Kirche verfasst. Darin konfrontierten wir die Empfänger mit den folgenden Fragestellungen. Es herrschte Wahlkampf und so stellten wir den Parteien, die Aussicht auf Einzug in die BVV-Friedrichshain-Kreuzberg hatten, folgende Fragen:

  1. Sind Ihrer Partei die Pläne zur Bebauung eines Teils des Friedrichswerderschen Friedhofes an der Jüterboger Straße bekannt?
  2. Welche inhaltliche Position bezieht Ihre Partei zu diesen Plänen?
  3. Wie steht Ihre Partei zu der durch die Bautätigkeit und die späteren Gebäude wahrscheinlich bewirkten Minderung der Qualität von Wohnen, Erholung und Naturschutz in unserem Bezirk?
  4. Wie positioniert sich ihre Partei zur Anwohnerkritik an den Bebauungsplänen? Hier bitten wir Sie, insbesondere auf folgende Aspekte der Anwohner-Kritik einzugehen:
    a) Die Frage, ob es sinnvoll und sozial verträglich sei, einen Teil einer christlich geprägten Kulturlandschaft, der auch noch mit solch starker Emotionalität behaftet ist wie ein Friedhof, für mehrheitlich von Muslimen bewohnte Gebäude zur Verfügung zu stellen?
    b) Die Frage nach der Sozialverträglichkeit eines sich durch den Einzug vornehmlich muslimisch-sunnitischer Bewohner verstärkten Trends zur weiteren kulturellen Segmentierung Kreuzbergs?

Bei der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgs (EKBO) und deren Friedhofsverband Berlin Stadtmitte (EVFBS) beschränkten wir uns auf folgende Fragen:

  1. Welche theologischen, kirchenrechtlichen und seelsorgerischen Überlegungen wurden bei der Entscheidung für die Entäußerung des Friedhofsgrundstückes angestellt?
  2. Wie stehen Sie zu dem Umstand, dass in den auf dem Friedhofsgrundstück zu errichtenden Gebäuden überwiegend muslimisch-sunnitische Einwanderer aus Syrien und Irak einziehen werden, deren feindselige Haltung gegenüber dem Christentum doch seit den gewalttätigen Exzessen gegen die dortigen christlichen Minderheiten bekannt sein dürfte?
  3. Wie stehen Sie zu der durch die Bautätigkeit und die späteren Gebäude wahrscheinlich bewirkten Minderung der Qualität von Wohnen, Erholung und Naturschutz in unserem Bezirk?

Langsam trudeln Antworten ein

Lange Zeit schien es, als würden die meisten Gefragten gern um eine Antwort herumkommen wollen. Das Eintreffen der Antworten kann nicht anders als „tröpfchenweise“ bezeichnet werden. Als erste trafen nahezu zeitgleich die Antworten der FDP und der AFD ein. Die Positionen beider Parteien stehen sich in der Tat konträr gegenüber. Während die FDP quasi aus dem Führerstand einer Lokomotive der Geschichte ihre Position verkündet:

„Wir haben grundsätzlich nichts gegen die Bebauung stillgelegter Friedhofsflächen einzuwenden. Es ist das gute Recht der Kirche diese Flächen zu nutzen, dieses auch vor dem Hintergrund, dass in Berlin mehr Friedhofsflächen zur Verfügung stehen als das Land tatsächlich benötigt.
ln der Stadt zu leben heißt immer auch im Wandel zu leben.
Dass die Kirche ihre eigenen Grundstücke für soziale Projekte nutzen möchte, entspringt dem Argument christlicher Nächstenliebe, was nicht zu kritisieren ist. Hinzu kommt, dass die Grundstückspreise in die Höhe geschossen sind, so dass dieses Vorgehen auch aus Kostengründen nachzuvollziehen ist.
Angesichts einer Vielzahl fehlender bezahlbarer Wohnungen in Berlin vertreten wir die Auffassung, dass nur der Bau neuer Wohnungen den Wohnungsmarkt entspannen kann; auch vor diesem Hintergrund haben wir keine Einwände gegen das Projekt, zumal mit KfW-Standard 40 hochmoderne und nachhaltige Wohnungen entstehen werden.
Und noch ein Letztes: Für uns Freie Demokraten steht der Mensch als lndividuum im Mittelpunkt, seine ethnische Herkunft und sein Glauben ist Privatsache. Entscheidend ist, dass wir die zu uns Geflüchteten als Menschen wahrnehmen und ihnen ein menschenwürdiges Leben bieten können. Auch dafür stehen wir Bürgerinnen und Bürger in Kreuzberg und das geplante Projekt der Kirchen.“

bemüht sich die AFD die Rolle des von vielen Zeitgenossen vergeblich gesuchten „wahren Konservativen“ einzunehmen, indem sie Selbstverständlichkeiten mit der ganzen Emphase des Neuaufbruchs postuliert:

„Unser Bezirksverband lehnt diese Pläne ab. ln einer Fallstudie von Marie-Luise Hornbogen vom lnstitut für Stadt- und Regionalplanung, die dieses Jahr herausgegeben wurde, ist für unseren Bezirk in den nächsten Jahren mit einer Unterversorgung von Friedhofsflächen zu kalkulieren.
Friedhöfe sind wichtige Naturräume und Stätten der Ruhe, des Gedenkens und der Erholung und müssen gerade in unserem Bezirk unbedingt erhalten werden!
Es darf kein muslimisch geprägtes Ghetto entstehen, schon gar nicht auf einen Teil der christlich geprägten Kulturlandschaft in herausgehobener Lage erstklassiger Wohnqualität. Solche Unterkünfte müssen (wenn überhaupt) in Randbereichen oder angrenzend an Hauptdurchgangsstraßen oder lndustriegebieten entstehen, um den temporären Charakter klar zu machen und eine Motivation zur lntegration oder zum Wegzug zu schaffen!“

Auffällig und durchaus positiv sowohl bei der Stellungnahme der FDP als auch der AFD ist zu vermerken, dass hier überhaupt noch argumentiert wird und klare Positionen bezogen werden. Dies ist unseres Erachtens auf den zum Absendezeitpunkt bestehenden Außenseiterstatus beider Parteien zurückzuführen. Ob ihre Antworten nach den relativen Erfolgen bei den Berliner Wahlen vom 18. September 2016 genauso ausgefallen wären, können wir nicht wissen.

Nach diesen beiden Schreiben erreichte uns die Antwort der Christdemokraten. Darin bekennt sich der Kreuzberger Ortsvorsitzende Timur Husein freimütig für den Erhalt der Friedhöfe. Er lehne „die Bebauung des Friedrichswerderschen Friedhofs grundsätzlich ab.“ Herr Husein schreibt desweiteren, ein Friedhof sei „ein heiliger Ort, der zu bewahren ist, zumal bei einem solch historischen Friedhof, der auch eine ökologische Rolle in der lnnenstadt spielt.“

Nun wissen wir um die signifikante Trennlinie zwischen Heiligem und Profanem. Wie weit daraus freilich ein Argument für die Nichtbebauung des Geländes zu generieren ist, vermögen wir nicht unbefangen zu beantworten. Dies gilt auch für die offensichtlich gewichtigste Argumentationsfigur in den Huseinschen Ausführungen, die wohl mit Bedacht an das Ende des Schreibens gesetzt wurde: „Die Totenruhe und die Würde der Verstorbenen haben für mich ein größeres Gewicht als ein paar Neubauten in unserem Innenstadtbezirk.“

Immerhin noch bemerkt werden muss, dass der Kreuzberger BVV-Abgeordnete Timur Husein bereits im Februar 2015 kritische Fragen nach dem Erhalt des infrage stehenden Friedhofsgeländes gestellt hatte und auf diese die zu erwartende ausweichende Antwort des bezirklichen Baustadtrates Hans Panhoff von den Grünen erhalten hatte.

Sodann traf auch noch ein Schreiben der Piratenfraktion im Berliner Abgeordnetenhaus bei uns ein. Darin bekennt der Autor Fabio Reinhardt zunächst offen, ihm seien „keine konkreten Bebauungspläne für den Friedrichswerderschen Friedhof bekannt“. Obwohl Herr Reinhardt sich grundsätzlich zum Schutze und Erhalt von Grünflächen bekennt, schränkt er dies durch seine Einschätzung, in Berlin bestehe eine „Überversorgung“ mit „ehemaligen Friedhofsflächen“, ein. Unter Verzicht einer Begründung dieser gleichermaßen interessanten wie ungewöhnlichen Einschätzung rät Herr Reinhardt zu einer „Alternativnutzung“. Und dann stößt er mit seinem letzten Satz abrupt das Tor zum theologischen, gleichwohl politisch-korrekt verminten, Gelände weit auf: „Diese Nutzung sollte dann Personen aller Glaubensrichtungen zugänglich sein, also selbstverständlich auch muslimischen Menschen.“

Andere brauchten etwas länger, unsere Fragen zu beantworten, doch das digitale Zeitalter schränkt die Möglichkeiten des Zögernden und Ausweichenden auf fatale Weise durch die Bereitstellung einer Korrespondenz via E-Mail ein. So fanden sich denn nach längerer Funkstille auch noch Antworten der SPD, der Linken und der Grünen in unserer Mailbox.

Sozialdemokratischerseits war hier das große Abwiegeln angesagt: Der Jugend- und familienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus Björn Eggert endet sein digitales Antwortschreiben mit dem Bedenken: „Aber wie gesagt, momentan gibt es nichts wozu man sich wie auch immer verhalten müsste.“ Na dann ist ja alles gut … Tatsächlich schreibt Eggert, die ganze Angelegenheit sowohl was die Planung der Kirche als auch der Kreuzberger Bezirksverordnetenversammlung betrifft, sei noch im Überlegungsstadium und nichts Konkretes nirgends greifbar.

„Aktuell gibt es aber wohl Überlegungen seitens der Kirche, ob die Errichtung einer temporären Flüchtlingsunterkunft dort möglich ist. Diese Idee befindet sich aber wohl noch im Stadium der Überlegung und ist faktisch zudem nicht so einfach umzusetzen. Sollten einmal PIäne konkreter werden, wird meine Fraktion diese PIäne natürlich kritisch durchleuchten und hinterfragen. Bauen könnte man dort m. E. wohl ohnehin nur, wenn zuvor die Friedhofsfläche entwidmet und entsprechendes Baurecht durch einen B-Plan geschaffen würde. Sowas geht ja nicht von heute auf morgen.“

Auch hierzu sollte das später eintreffende Schreiben der Kirche Aufschluss geben. Doch widmen wir uns zunächst der Stellungnahme der BVV-Fraktion von Bündnis 90 / Die Grünen. Diese unterscheidet sich von der des sozialdemokratischen großen Bruders nur durch eine noch größere Bescheidenheit in der Ausführung:

„Unser letzter Informationsstand […] ist bereits einige Monate alt“, teilt uns die Fraktionsassistentin Britta Byszio mit. „Demnach prüft der Evangelische Friedhofsverband den Bau eines Flüchtlingswohnheims in Holzbauweise, das anschließend durch das Diakonische Werk betrieben werden soll.“

Wie immer, scheint die Zukunft von Verheißung erfüllt zu sein, denn immerhin informiert uns Frau Byszio auch über die folgende schwerwiegende Aktivität ihrer Fraktion: „Für den aktuellen Stand haben wir eine Anfrage an das Bezirksamt gestellt.“

Was Die Linke betrifft, liegt uns bisher nur eine persönliche Stellungnahme der Kreuzberger Politikerin Gaby Gottwald vor, in der sie unser Anliegen ausdrücklich begrüßt und den Kampf für den Erhalt des Friedhofsgeländes als Widerstand gegen „Bewirtschaftungslogik“ und „Marktlogik“ würdigt. Ausdrücklich erklärt sie am Ende ihres Schreibens: „Emotional bin ich auf alle Fälle auf deiner Seite.“ Na, das war ja schon mal was. Nicht zu unterschätzen, diese emotionale Großzügigkeit einer ansonsten doch eher auf realpolitische Engherzigkeit orientierten Partei.

Das Sprachrohr Gottes im Kiez

Die Antwort des Evangelischen Friedhofsverbandes Berlin Stadtmitte traf dann am 8.9. als vorletzte Antwort bei uns ein. Hier wird dieses Schreiben als die repräsentative Antwort der Evangelischen Landeskirche behandelt, zumal uns diese mit Schreiben vom 8.9. auf den Friedhofsverband als Ansprech- und Gesprächspartner verwiesen hat. Freimütig bekennt Pfarrer Gahlbeck als Assistent der Geschäftsführung des Friedhofsverbandes in der Jüterboger Straße eine „sog. Gemeinschaftsunterkunft für 150/160 Flüchtlinge incl. entsprechender Gemeinschaftseinrichtungen“ bauen und vom Diakonischen Werk betreiben lassen zu wollen. Legitimiert werde solche Art Handeln angeblich durch frühere Beschlüsse der Landessynode, über die jedoch im gesamten Schreiben nichts weiter ausgeführt wird, und einer beanspruchten und nicht begründeten „theologischen Verantwortung für den Umgang mit Fremden und Schwachen“.

Auch bemerkt der Friedhofsverband: „Die betroffenen Gräber werden sämtlichst schon lange nicht mehr von Angehörigen gepflegt, so dass der Friedhofsverband sie abräumen durfte und darf.“ Dies halten wir allerdings für eine skurrile Argumentation. Schließlich kann davon ausgegangen werden, dass Verstorbene in Anwärterschaft auf das ewige Leben, denen zu dessen Erreichung nur noch das Zertifikat des Jüngsten Gerichtes mangelt, eine Großzügigkeit aufbringen, die sie über irdisch-profane Differenzen wie eine Statusunterscheidung der Grabpflegenden hinwegsehen lässt. Nicht zuletzt aber wird der einzige und wahrhaft lebendige Gott kapitalistischer Gesellschaften angeführt: Das liebe Geld.

Aufmerksamkeit verdient auch die durchaus originelle Erwägung des Friedhofsverbandes, den Naturschutz an der Jüterboger Straße ausgerechnet durch Bebauung voranzutreiben. Eine Bebauung sei gerade deshalb wünschenswert, weil „Naturschutz alleine nicht aus den zweckgebundenen Gebühreneinnahmen der Friedhöfe finanziert werden darf.“ Angesichts dieser Rabulistik scheint uns nur noch ehrfurchtsvolles Schweigen angemessen: Auf so eine schräge Sicht muss man erst einmal kommen! Ein Schelm wer hier böses denkt und meint, dem Naturschutz werde am besten gedient, wenn man das Gelände ganz einfach mal für ein paar Jahre in Ruhe lasse.

Neue Erfahrungen

Am 7. Oktober 2016 hatten wir nach gerade einmal vier Wochen über 1000 Unterschriften gesammelt. Die Sammlung geht weiter. Mitglieder unserer Gruppe sammeln rund um die Bergmannfriedhöfe. Überraschend war für uns zunächst wie viel Unmut die Bebauungspläne bei den Leuten auslösten, zumal wir zuvor befürchtet hatten, in kontroverse und schwierige Diskussionen verwickelt zu werden. Stattdessen trafen wir weitestgehend auf Zustimmung. Die Empörung über die Baupläne der Kirche war bei allen Angesprochenen deutlich zu verspüren, sogar bei jenen wenigen, die aufgrund falsch verstandener Humanitätsbedenken von der Unterschrift Abstand nahmen. Wir mussten auch zur Kenntnis nehmen, dass wir nicht die einzige Kreuzberger Initiative waren, die sich Gedanken über eine unheilvolle Entwicklung des Bergmannkiezes machte. Nach und nach kamen wir in Kontakt mit Vertreterinnen recht unterschiedlicher Anliegen wie z. B. Verkehrsberuhigung und Ablehnung von sozial desintegrierender Luxussanierung.

Inzwischen haben wir eine politische Karriere vom konservativen Widerstand (Tagesspiegel) bis zum Rechtspopulismus (SPD-Kreuzberg) hingelegt. Hätten wir, in der Mehrheit selbsternannte Linke und Kritiker kapitalistischen Wirtschaftens so etwas vorhersehen können? Es ist schwer zu sagen. Es war uns zwar klar, dass es hierzulande besser ist, den Kontakt mit der landeseigenen Wahrheitspresse und Parteien wie der SPD nach Möglichkeit zu meiden, aber ganz so konsequent waren wir dann doch nicht. Möglicherweise hat die friedliche Stimmung, die gewöhnlich auf unserem Schutzobjekt herrscht, auch unsere Herzen und Hirne auf eine Weise milde gestimmt, die im postchristlichen Abendland nicht einmal Weihnachten noch angemessen wäre. Reichst du einem Pressefuzzi den kleinen Finger, weiß der Berliner Volksmund, reißt er dir gleich beide Hände ab. Das ist nur mäßig übertrieben. Tagespiegel-Fuzzi Stephan Wiehler entgolt uns die Großzügigkeit, mit ihm einige Worte zu wechseln und die Gnade, nicht wegen eines frechen Anrufes um 8 Uhr in der Frühe die verdiente Abkanzelung erhalten zu haben, mit der ganovenhaften Bescheinigung eines „unredlichen Protests“[2] unsererseits. Unredlich? Man kann uns gewiss mehr oder weniger Seltsames und Bedenkliches nachsagen, aber wohl kaum unterstellen, wir würden uns auf dem gleichen Niveau bewegen wie irgendwelche verkrachten Akademiker, die ihre trockenen Vollkornschrippen beim Tagesspiegel verdienen müssen. Aber es sollte noch widerwärtiger und ekelerregender kommen.

Der Kiez – eine unheimliche Herberge

Kreuzberg, das lauschige Wohnumfeld für besserverdienende Konformisten mit der ebenso hartnäckigen wie unheilbaren Illusion, sich irgendwie im intellektuellen Überfliegermodus zu bewegen, beherbergt seine ganz spezifischen Lemuren, deren Freizeitpassion darin besteht, den ehrenamtlichen Hassprediger zu spielen. Eines dieser Geschöpfe kann wohl auf Nachfrage auch theologisch-akademische Abschlusszertifikate vorweisen. Es handelt sich um den Pfarrer der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburgs, Herrn Peter Storck, von der Gemeinde Heilig Kreuz-Passion in Berlin-Kreuzberg. Wir wissen nicht, was der Herr Jesus sagen würde, käme ihm das lästerliche Treiben dieses Gottesmannes zu Ohren. Vielleicht würde der Heiland den genialen Bob Dylan zitieren, der schon 1984 unwiderlegbar feststellte, „Sometimes Satan comes as a man of peace.“[3]

Die meisten von uns hatten erst am 11. Dezember 2016 Gelegenheit vom gotteslästerlichen Treiben dieses Mannes Kenntnis zu nehmen. Diejenigen, die ihn bereits als Redner bei der Beerdigung unseres Freundes Wolfgang Neumann gehört hatten, mussten sich eingestehen, in jenem Dezember 2013 offenbar der einflüsternden Desinformation der auf Friedhöfen bekanntlich in Mengen herumlungernden dämonischen Mächte erlegen zu sein. An jenem 11. Dezember nämlich erschien der Herr Pfarrer Storck bei einer Begehung des von der Kirche zur Bebauung vorgesehenen Geländes. Es war die zweite Begehung dieser Art, nachdem bereits eine Woche zuvor von mehreren Dutzend Menschen das Gelände in Augenschein genommen worden war. Dieses Mal wollte der Herr Pfarrer Storck sich offenbar – was auch immer – nicht entgehen lassen. Im Nieselregen storchartig auf und abtretend, konnte er es sich nicht verkneifen, schon als erst etwa zehn Teilnehmer eingetroffen waren, einen unserer Aktivisten mit postchristlichem Unflat zu überhäufen. „Sie sind doch ein Pegida-Sympathisant“, entfuhr es dem unfrommen Diener eines verloren gegangenen Herrn. „Sie sind doch dauernd zu den Pegida-Aufmärschen nach Dresden gefahren. Das weiß ich doch genau! Das haben Sie mir doch selbst erzählt.“

Derlei Lästerlichkeiten entfuhren dem Munde des Geistlichen während dieser sich vielleicht noch dem Trugbild hingab, einige der Zuhörer durch wohlfeiles Medien-Agitprop auf seine Seite zu ziehen. Doch hatte er im Wortsinne die biblische „Rechnung ohne den Wirt“ gemacht. Aufgeklärt bis in die Haarspitzen, wozu vielleicht auch einige der Kollegen dieses Gottesknechts ihren Beitrag geleistet hatten, wiesen ihn die Zuhörer zurück, ziehen seine lästerliche Rede der Denunziation und Verunglimpfung. Als daraufhin der Mann mit gesenkten Schultern von dannen sich trollte, wussten die dem peinlichen Reflex des Nachblickens mühsam sich Entwindenden noch nicht, dass dieser Mann nur wenige Stunden zuvor einen seiner größten demagogischen Triumpfe errungen hatte.

In seiner Predigt zum 3. Advent hatte der Herr Pfarrer Storck eine wohlig-schaudernde Gemeinde sowohl vor den Gefahren als auch vor den heimtückischen Anfechtungen durch selbsternannte Friedhofsschützer gewarnt. „Wenn ihr“, hatte er mit heiserer Stimme und prophetisch in eine Ferne, die sehr nah sein mochte, gerichteten Pupillen, die seiner geistlichen Fürsorge Befohlenen gewarnt, „wenn ihr diesen Leuten eine Unterschrift gebt, leiten sie die sofort an die AFD weiter und ihr wisst ja, was das bedeutet. Diese Leute wollen die Geflüchteten nicht. Sie wollen nicht, dass wir eine Herberge für die Geflüchteten, diese Ärmsten der Armen, auf dem Rand des Friedhofs errichten. Sie wollen das nicht, weil sie“, und hier blickte der Geistliche mit irgendwie waidwunden großen Augen und tieftraurig herunter hängenden Wangen in die Runde der Gläubigen, „weil sie“, hub er wieder an, „die Muslime hassen. Sie verachten und hassen jeden Muslim, jede Muslima. Das versteht ihr doch!“

Nach dieser Predigt, sollten einige später berichten, sei die Gemeinde auseinander gegangen wie eine Herde, die unversehens mit der unabweisbaren Gewissheit des Schlachthofs konfrontiert worden war. Einige schluchzten, andere schlugen sich verzweifelt, gleichwohl kraftlos die Hand vor die Stirn, andere wiederum schüttelten ungläubig den Kopf. Verzweiflung hatte sich wie ein dunkler Schleier über die Gläubigen gesenkt. Ja, das betraf sie. Ja, das betraf nicht wenige von ihnen. Denn es waren nicht wenige dieser über 200 Erwachsenen, die in den Tagen und Wochen zuvor die Unterschriftenlisten der Initiative gegen die Bebauung mit ihren mehr oder weniger guten Namen gefüllt hatten. Was sollte nun werden?

Das konnte nur Gott wissen, und der tat das, was er wohl am liebsten tut und am besten kann: Die Klappe halten! Keine von göttlicher Inspiration durchflutete Propheten wanden sich in frommer Verzückung im winterlichen Matsch des Marheinekeplatzes. Still war‘s um die Jahreswende, der Herr schwieg und die Lehrer und Architekten waren noch auf Fuerteventura oder in Thailand. Weil alle wussten, dass solch Idylle in einem Berliner Dorfkiez nie sehr lange anhalten würde, dachten einige schon, der Showdown in Sachen Friedhofszerstörung habe begonnen als um die Mittagszeit des 20. Januar vor dem Lokal Felix Austria es zu einem Zusammenstoß zweier mit Holzknüppeln und leeren Sternburg-Pilsener-Flaschen ausgerüsteter Gruppen kam. Doch wie groß war die Enttäuschung als sich dann herausstellte, dass auf diese handfeste Weise lediglich die Frage, ob die aus Ulm oder die aus Um-Ulm-Herum die besseren Argumente in Sachen Weitpinkeln von Mischlingskötern hatte. Ein andermal wurde eine herrenlose Hängetasche vor dem Portal der Passionskirche gefunden, was zur Besetzung des Marheinekeplatzes durch ein grandioses Polizeiaufgebot führte. Die Tasche enthielt die ganze Banalität einer halben Gummibärtüte. Aber zur Strafe, und weil es irgendwie gotteslästerlich erschienen wäre, das eilends angerückte Sprengstoffspezialkommando wieder unverrichteter Dinge nach Hause zu schicken, wurde die ärgerliche Tasche vorsorglich gesprengt. Doch je näher der 24. Januar rückte, umso mehr schien die Luft in Kreuzberg von jener explosiven Spannung erfüllt zu sein, wie dies ja so oft vor erwartbaren Ereignissen mit historischer Dimension der Fall ist.

Wie man Rechtspopulist wird

Ausgerechnet die SPD des Yuppie- und Touristenbezirks trat mit einem Flugblatt [4] an die Öffentlichkeit, in dem sie sich als Partei theologischer Innovation präsentierte: „Öffnung christlicher Friedhöfe für Muslime erwünscht“. Da war es also heraus. Die Selbstmuslimifizierung Kreuzberger Sozialdemokraten, von manchen oft und vergeblich totgesagt, schreitet doch wieder voran. Das mochte auch der Slogan „Kein historisches Grab wird angetastet“ nicht relativieren, denn der war eine glatte Lüge, denn um was anderes als um „historische“ Gräber handelt es sich denn bei den Buddeleien auf dem inzwischen abgesperrten Gelände.

Und dann wird gelogen, dass die Schwarte kracht. Dabei kommt heraus, was sonst fragwürdiger Fluchtort für Realitätsenttäuschte darstellt, bei Sozialdemokraten aber zur handfesten Bedrohung der Angeschmierten werden kann: „Zuletzt haben Rechtspopulisten hier im Kiez unter Vorwänden Unterschriften gegen die geplante Unterkunft gesammelt.“ Das waren also wir: Rechtspopulisten! Ein solches Attribut kann in einer Gegend wie Berlin-Kreuzberg, deren politische und sonstige Repräsentanten gern die Dummerchen spielen und sich selbst als „Kiezbewohner“ bezeichnen, die einerseits kein Wässerchen trüben wollen, aber andererseits auch nicht gerade intellektuelle Überflieger sind, nicht als Kompliment sondern als Freibrief für Aktivitäten einer Femekultur, die aus den Moderungen einer verfaulenden Linken schaurige Blüten treibt, verstanden werden.

Gewiss gehörte Wahrheitsliebe nie zu den Top Ten sozialdemokratischer Tugenden. Etwas, was die tumben Sozis übrigens mit den guten Christen aus der Gemeinde Heilig Kreuz-Passion teilen. Diese Leute hatten ab Mitte Januar einen Text verbreitet, der seine Leser zum ersten für dumm verkaufen und zum zweiten zu einer sogenannten Anwohner-Informationsveranstaltung in die Passionskirche für den 24. Januar einlud. Für dumm wurden die Leser mit der folgenden dreisten Lüge verkauft: „Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat diesem Bauvorhaben am 1.12.2015 einstimmig zugestimmt.“[5] Dreister kann man nicht lügen, denn das erwähnte Bezirksamt konnte an jenem 1. Dezember gar nicht über ein solches Vorhaben abstimmen, da ihm gar kein diesbezüglicher Antrag vorlag und die frech als Bauvorhaben titulierte Sauerei zu der Zeit weder dem Bezirksamt noch anderen Kreuzberger Interessierten bekannt war, vielmehr noch in der Schlangengrube postprotestantischer Kulturzerstörer schlummerte. Wir wissen es nicht, aber möglicherweise wusste auch der Pastor Storck im Dezember 2015 noch nicht, mit welchen Dämonen seine abgründige Seele schwanger ging.

Wo Sozialdemokraten und Postprotestanten auftauchen, sind andere Albträume meist nicht weit entfernt. Einer dieser Nachtmaare hört auf den Dreiklang An-ti-fa. Und die ist an sich ein nützlich Ding. Wer trotz allem verinnerlichten Quietismus, Pazifismus und was sonst noch den Zeitgenossen und die Zeitgenossin zum bereitwilligen Verzicht auf unmittelbare Gewaltausübung ermuntern mag, dennoch mal anderen mal zünftig einen auf den Schädel geben will, der geht zur Antifa, lässt sich einen Holzstick zuteilen und einen zeigen, dem er mit dem Stick ordentlich auf den Kopf hauen darf. Aber bitte ordentlich, damit‘s auch richtig kracht, denn der andere ist ein Nazischwein, ein Rechtspopulist, ein AFDler, ein „Klimaskeptiker“, einer von denen, die statt an Gott und die Engel an UFOs und Flying Saucers glauben und so weiter, jedenfalls einer, um den es nicht nur nicht schade ist, wenn er den Schädel gespalten bekommt, nicht nur einer, der es wirklich verdient hat, sondern auch einer, bei dem man die Welt rettet, wenn man ihm den Schädel einschlägt. Antifa ist das Kürzel für jene ambulante Aggressionsagentur auf deren Agenda man lieber nicht stehen möchte; eine stets bereite Sturmabteilung der freiheitlich demokratischen Grundordnung und von jedem hemmenden Skrupel emanzipierte Schutzstaffel autoritären Denkens.

In unserem Falle linksautoritären Denkens. Man konnte dies daran erkennen, dass jene Antifa, die am Sonntag, dem 22. Januar, die Hassbotschaft „Kreuzberg halts Maul! – gegen rassistische Proteste im christlichen Gewand“ in dem Internetportal Indymedia [6] postete, einem Ort, der als gleichwohl provisorische wie effektive Erziehungsanstalt für rotzradikalen Nachwuchs dient, dessen Seele es im freiheitlich-demokratischen Sinne noch zu retten gilt. Ausgerechnet als „Naturfreundejugend“ bezeichneten sich diese, dem Pfarrer Storck zur Seite springenden freiwilligen Hilfspolizisten. Manche erinnern sich vielleicht an die Naturfreundejugend mit ihren Naturfreundehäusern, ihren Naturfreundewanderwegen, ihren Naturfreundeherbergsvätern, ihren Naturfreundeschlafsälen für zwölf und mehr Personen, mit ihrem Naturfreundegeruch nach Pubertätsschweiß, Schweißfüßen und Erbrochenem. Ja, die haben ihr wohlverdientes Ende gefunden. Vielleicht gehört dies zu den raren Vorteilen, die Globalisierung und ein entsprechend mickrig ausfallender Hedonismus des globalen Zeitalters gebracht haben. Doch sei’s drum.

Tot ist nun mal tot, und das Dahinscheiden der Naturfreundejugend dürfte nur bei ausgesprochen extremen Sozialmasochisten eine Träne des Bedauerns erzeugen. Sich gegenseitig bei ihrem fanatischen Bestreben, die Welt noch schlechter zu machen als sie ohnehin schon ist, übertrumpfend, war offenbar eine Abteilung nekrophiler Antifas auf den schon weitgehend in Verwesung übergegangenen Leichnam der Naturfreundejugend gestoßen. Neue Liebe, neues Glück! Und der naturfreundliche Leichengeruch inspiriert die linksradikalen Lumpensammler zu denkwürdigen literarischen Leistungen:

„Wenn auch die Bürger_innen-Initiative nicht offen rassistisch agiert, argumentiert sie mit ihrem Schwadronieren von einem ‚groben Akt der Kulturzerstörung‘, ‚christlichen Traditionen‘ und ‚Erlösung‘ doch zumindest kulturpessimistisch.“

So what!? „Kulturpessimisten“, eine neue Kategorie von Volksschädlingen? Ein neuer Eintrag in die Schädlingsbekämpfungsagenda des Antifa-Volkssturms? Wie beruhigend ist es da, dass offenbar auch der Kulturoptimismus der Naturfreunde seine Sollbruchstellen hat. Wie angewidert blicken sie doch auf den sündigen Bergmannkiez und seine Bewohner,

„die sich für liberal und tolerant halten – jedoch mit ihrem Faible für Slowfood, Meditation, ökologisches Gärtnern und Strahlenvermeidung de facto eine reaktionäre Gemeinschaft anstreben.“

Irgendwie hat das was irgendwie Beruhigendes oder so, es gibt sie immer noch, die Großmeister faktischer Eigentlichkeit, junge Männer unter 30, ganz selten auch mal eine Frau, und wenn, dann völlig durch den Wind. Zeitgenossen, die stets wussten und offenbar immer noch wissen, was die Stunde geschlagen hat, „objektiv gesehen“, versteht sich. Diese Szene von mentalen Esoterikern, in der man stets weiß, wer was aus den falschen oder richtigen Gründen falsch oder richtig gemacht hat, schien in den letzten Jahren überall auf dem Rückzug zu sein.

Die Liquidation des Zufalls

Die letzten Reste dieser geistigen Jogginghosenträger konnte man mit Recht in selbstverwalteten Jugendzentren und Antifa-Infoläden vermuten, Reservate, die man ihnen durchaus gönnen mochte, denen es aber leider am Fehlen eines effektiven Schutzwalles im donald-trumpschen Sinne gebrach. In der von strengen, paranoiden Gesetzen regierten Welt dieser Leute geschieht alles nach einem irgendwie bösen Plan. Den Zufall, der einzig als Schlupfloch in entspanntere Zustände und Situationen hätte dienen können, haben diese Mitglieder des Menschengeschlechts gnadenlos liquidiert. Mit suggestivem Blick und schriller Stimme muss man sich deshalb die Autoren des Folgenden vorstellen: „Nicht zufällig wird die Initiative angeführt von dem Ethnologen Klaus Lückert, der sich v. a. der Erforschung der deutschsprachigen Siebenbürger Sachsen in Rumänien widmet.“

Der Ethnologe als Anatom?

Entgegnete man dem zitierten Nonsens, die Ethnologie erforsche Gesellschaften und ihre Kulturen, ähnele also mehr einem intellektuellen Debattierklub als einer Horde mit Skalpellen und Schädelmessgeräten durch die Gegend stolpernder mad scientists, hörten einem diese Leute gewiss schon nicht mehr zu. Für sie gibt es Wichtigeres als die langweilige Realität, an deren Stelle sie sich ein skurriles System semantischer Gerechtigkeit mit allen dazugehörigen Strafen und Belohnungen wünschen: Sie beanstanden, der suspekte Ethnologe habe vor 17 Jahren (zu einem Zeitpunkt als mancher Naturfreund unserer Tage möglicherweise noch nicht einmal dem Säuglingsalter entwachsen war) in einem Interview mit einer falschen, weil „rechten“ Zeitung ein Wortverbrechen begangen, indem er zwar die „Unterdrückung [der Siebenbürger Sachsen] nach dem 2. Weltkrieg mit den Verschleppungen und Enteignungen“ erwähnte, „ohne“, und nun soll hinter der Larve des naiven Ethnologen ein abgefeimter Genozidunterstützer sein Unwesen treiben, einer, der seine Verbrechen mittels Auslassung und Nichterwähnung begeht, „die aktive Beteiligung vieler Siebenbürger Sachsen an den deutschen Verbrechen als Wehrmachts- und Waffen-SS-Mitglieder zu erwähnen“.

All diese skurrilen Tastaturquälmassaker, gleichgültig ob vom evangelischen Hassprediger, von SPD-Bonzen oder von als Naturfreunden wiedergeborenen Altautonomen begangen, waren gleichsam nur eine Art Prolog mit starker Tendenz zum Gesamtkunstwerk, der Höhepunkt mit endgültiger rhetorischer Liquidation der Kleruskritiker fand am 24. Januar ab 17 Uhr in der Passionskirche am Marheinekeplatz statt. Unter dem Titel „Anwohner-Informationsveranstaltung“ wurde dort ein Gottesdienst recht eigener Art abgehalten. Nicht nur drei Hauptberufliche Pfarrer (Storck, Gahlbeck und Quandt) waren zugegen, auch die Theologen von Politik und öffentlicher Verwaltung hatten hier die Gelegenheit dem blöden Eigensinn, der nicht gleich strammsteht, wenn das Wort Geflüchtete seine Gehörgänge wie eine Hummel durchfleucht, die Leviten zu lesen. Bei diesem Autodafé der Inquisitoren neudeutsch multikultureller Selbstgefälligkeit erging unter dem Beifall von dutzendhaft herangekarrten Claqueuren ein eindeutiges Urteil: Völkisch ist der Protest gegen die Friedhofsbebauungspläne der Kirche, völkisch ist die Unterschriftensammlung der Initiative, völkisch ist die Initiative selbst – völkisch ist überhaupt jeder und alles, wer oder was nicht die Klappe hält, wenn Hassprediger Storck spricht.

Das ist ähnlich wie mit dem Kulturoptimismus der Naturfreunde: Der ihren Hassobjekten zugeschriebene „Kulturpessimismus“ ist letztlich der eigene wie am Beispiel der Verdammung Kreuzberger „moralischer Verkommenheit“ gezeigt. Das Verdikt völkisch durch den Storck und seine Anhängerschaft bezieht sich mit bitterer Ironie auf seine Urheber: Storck und die Seinen sind es schließlich, die mittels kitschigen Geschwafels von „Elenden und Erniedrigten“ und dem fragwürdigen Schieberangebot einer moralischen Superiorität einen Konformismus zu erzeugen zumindest beabsichtigen, der nur noch gute „Muslime“ und ihre Unterstützer auf der einen Seite und faschistoid-verschlagene „Biodeutsche“ auf der anderen Seite kennt.

Ja, das ist Deutschland, wo nach wie vor jeder nicht hundertfünfzigprozentig konforme Gedanke auf die gewaltbereite Arroganz einer denkfaulen Majorität stößt. Da ist es uns völlig egal, ob Rädelsführer und Vollstrecker sich auf Nationalismus, Faschismus, Stalinismus oder Multikulturalismus berufen. Uns kotzen sie in ihrer dreisten, auf nichts als aggressivste Dummheit gegründeten Selbstgefälligkeit total an. Wir können gar nicht so viel Fressen in uns hineinstopfen als wir angesichts dieser Leute kotzen möchten.

Mustafa Klein-Machnow
(Komitee Passion für Roten Hahn und Peking Ente)

Ausschnitt aus Hans Holbeins Holzstich „Totentanz“ (1538) drucken (PDF)

Fußnoten

[1] http://www.kreuzberger-chronik.de/chroniken/2016/maerz/Reportagen.html

[2] http://www.tagesspiegel.de/berlin/buergerinitiative-gegen-friedhofsbebauung-in-kreuzberg-unredlicher-protest/15126856.html

[3] https://bobdylan.com/songs/man-peace/

[4] http://www.spd-kreuzberg61.de/bauvorhaben-jueterborger-strasse-infostand/

[5] http://www.heiligkreuzpassion.de/veranstaltungskalender/event/1311-anwohner-infoveranstaltung-wg-bau-eines-fluechtlingswohnheims-a-d-jueterboger-strasse-vom-ev-friedhofsverband-b-stadtmitte

[6] https://linksunten.indymedia.org/de/node/201795


Die Redaktion.   21. Juni 2017                 (Artikel als PDF öffnen)


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